POLYPHARMAZIE

Viele Tabletten – eine gute Lösung?

Ich kenne viele Menschen in meinem Alter, die täglich drei, vier, fünf oder noch mehr Medikamente einnehmen.

Eine Tablette für den Blutdruck. Eine für die Cholesterinwerte. Vielleicht etwas gegen Schmerzen. Etwas für den Magen. Etwas zum Schlafen.

Und irgendwann steht morgens eine kleine Handvoll Tabletten auf dem Frühstückstisch. Aber ist das automatisch schlecht? Nein.


Und genau mit diesem wichtigen Satz möchte ich unseren MatsZino-Themenmonat zur Polypharmazie beginnen.

Denn Medikamente können Krankheiten behandeln, Beschwerden lindern, Komplikationen verhindern und in vielen Situationen unverzichtbar sein. Problematisch wird nicht automatisch das einzelne Medikament. Spannend wird die Frage: Was passiert, wenn aus einem Medikament immer mehr werden?

Was bedeutet eigentlich Polypharmazie?

Eine weltweit einheitliche Definition gibt es nicht. Häufig spricht man von Multimedikation oder Polypharmazie, wenn ein Mensch dauerhaft fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig einnimmt. Gerade bei Menschen mit mehreren Erkrankungen und in höherem Lebensalter kommt das häufig vor. Und zunächst kann jedes einzelne dieser Medikamente einen nachvollziehbaren Grund haben.

Ein Beispiel:

Jemand hat Bluthochdruck und bekommt dafür ein Medikament. Später kommt Diabetes hinzu – also ein weiteres. Dann erhöhte Cholesterinwerte. Arthrose und Schmerzen. Vielleicht Schlafprobleme. Für jede einzelne Erkrankung kann eine Behandlung sinnvoll sein.

Doch unser Körper besteht nicht aus fünf voneinander getrennten Abteilungen. Alles trifft sich in ein und demselben Menschen.

Und damit sind wir beim eigentlichen Thema der Polypharmazie.

Wie kommt es überhaupt zu so vielen Medikamenten?

Manchmal ganz schleichend. Über Jahre kommen Erkrankungen und Beschwerden hinzu – und damit häufig weitere Medikamente.

Vielleicht behandelt der Hausarzt den Blutdruck, der Orthopäde die Schmerzen und ein weiterer Facharzt eine andere Erkrankung. Nach einem Krankenhausaufenthalt kommen möglicherweise neue Präparate hinzu. Oder ein Medikament, das ursprünglich nur vorübergehend notwendig war, bleibt irgendwann dauerhaft auf dem Medikationsplan.

Eine weitere Möglichkeit ist besonders interessant: Neue Beschwerden können manchmal eine Nebenwirkung eines bereits eingenommenen Medikaments sein. Werden sie nicht als solche erkannt, kann ein weiteres Medikament hinzukommen, um genau diese Beschwerden zu behandeln. Die Patienteninformation von Bundesärztekammer und Ärztlichem Zentrum für Qualität in der Medizin nennt diese und weitere Situationen ausdrücklich als mögliche Wege in eine Multimedikation.

So können aus zwei Medikamenten irgendwann fünf werden. Aus fünf vielleicht sieben. Und irgendwann stellt sich eine erstaunlich einfache Frage:

Wer behält eigentlich noch den Überblick über das Ganze?

Denn mit zunehmender Zahl der Medikamente können auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen und mögliche Wechselwirkungen relevanter werden. Gleichzeitig ist die Lösung ausdrücklich nicht, notwendige Medikamente einfach wegzulassen. Moderne Leitlinien verfolgen vielmehr das Ziel, die gesamte Behandlung individuell zu betrachten und Über-, Fehl- und auch Unterversorgung zu vermeiden.

Und genau deshalb gefällt mir ein Satz besonders:

Nicht weniger um jeden Preis. Sondern so viel wie nötig – und so wenig wie möglich.

Das ist ein großer Unterschied. Polypharmazie bedeutet nämlich nicht: „Viele Medikamente sind schlecht.“ Sie bedeutet vielmehr: Je komplexer eine Medikamentenliste wird, desto wichtiger wird es, sie regelmäßig als Ganzes zu betrachten. Welche Medikamente brauche ich noch?

Warum nehme ich jedes einzelne? Ist die Dosierung weiterhin passend? Sind neue Beschwerden hinzugekommen?

Wissen meine behandelnden Ärzte und meine Apotheke eigentlich von allen Medikamenten und Präparaten, die ich einnehme?

Und dazu gehören auch rezeptfreie Arzneimittel und andere Präparate, die wir uns möglicherweise selbst besorgen.

Das sind Fragen, die man gemeinsam mit Arzt oder Apotheker besprechen kann. Medikamente eigenmächtig abzusetzen oder die Dosierung zu verändern, wäre dagegen gerade nicht die Botschaft dieses Artikels. Die Bundesärztekammer empfiehlt bei neuen Beschwerden unter einer Arzneimitteltherapie ebenfalls, Arzt oder Apotheker einzubeziehen.

Warum MatsZino darüber spricht

Weil dieses Thema hervorragend zu dem passt, worum es mir bei MatsZino grundsätzlich geht: Vorbeugen statt Behandeln. Wissen statt Verunsicherung. Nicht Medikamente verteufeln. Nicht behaupten, Ernährung oder Nahrungsergänzung könne notwendige Arzneimittel einfach ersetzen. Sondern Menschen dazu bringen, Fragen zu stellen und Zusammenhänge besser zu verstehen.

Denn vielleicht ist nicht die wichtigste Frage: „Wie viele Tabletten nehme ich?“

Sondern:

„Weiß ich eigentlich, warum ich jede einzelne davon nehme – und wird regelmäßig überprüft, ob dieses Gesamtpaket für mich noch sinnvoll ist?“

Genau dort beginnt für mich ein bewusster Umgang mit Polypharmazie.



... in POLYPHARMAZIE – Teil 2

Zwischen Nutzen und Nebenwirkung

Dann schauen wir genauer hin: Was sind Wechselwirkungen? Warum können Medikamente sich gegenseitig beeinflussen? Und warum können manche vermeintlich neuen Beschwerden möglicherweise mit der bestehenden Medikation zusammenhängen?

Denn eines werden wir im September immer wieder feststellen:

Viele Tabletten bedeuten nicht automatisch eine schlechte Behandlung. Aber viele Tabletten bedeuten viele Zusammenhänge, die man im Blick behalten sollte.